Geschichten

Das Gespenst aus dem Kleiderschrank

Das Gespenst aus dem Kleiderschrank


"Huhuuuh, huhuuuh, ich bin das Gespenst aus dem Kleiderschrank. Huhuuuh, huhuuh, nachts wenn es stockdunkel ist, knirsche ich mit den Zähnen, lasse meine morschen Knochen knacken und stöhne, manchmal raschele ich leise mit meinem Gespensterhemd, manchmal stolpere ich absichtlich über meine eigenen Füße und zuweilen pfeife ich plötzlich einen schrillen Ton, dann wieder blase ich so heftig, dass die Gardinen flattern und die Türe zuschlägt. Ich kann alles, was ein ordentliches Gespenst braucht, um Kindern nachts einen gehörigen Schrecken einzujagen. Aber du musst keine Angst vor mir haben, denn ich bin schon ein sehr altes Gespenst und den Spaß am kunstgerechten Spuken haben mir Zacharias und Elias ein für alle Mal ausgetrieben.Willst du hören, wie sie das gemacht haben? Nun, eigentlich erzähle ich dir meine Geschichte gar nicht so gerne, weil ich nicht so gut darin abschneide. Heute bin ich aber alt genug, um darüber auch zu lachen und Zacharias für seinen Mut, Elias für seine Phantasie zu beneiden.Also, das war so: Wenn wir Gespenster 14 Jahre alt sind und gut in der Gespensterschule waren, dürfen wir uns selbst einen Ort aussuchen, an dem wir spuken wollen. Ich entschied mich für den Kleiderschrank im Kinderzimmer von Zacharias. Zacharias war damals gerade erst zwei Jahre alt. Übrigens nannten ihn alle Zacha, weil sein Name so schrecklich lang ist.Sein Bruder Elias war noch nicht auf der Welt. Ich dachte, es würde einfach sein, einen so kleinen Jungen nachts zu erschrecken, und ich könnte mich auf diese Weise langsam in die Gespensterkunst eingewöhnen. Damit behielt ich Recht. Wenn ich im Dunkeln nur leise hustete fuhr Zacharias aus dem Schlaf auf und fing an zu weinen. Meist kam seine Mama sofort mit einer Milchflasche und tröstete ihn. Was für ein Erfolg für mich!Manchmal kam sogar Zachas Papa. Wenn Zacha denn gar nicht aufhören wollte zu weinen, weil ich leise weiterhustete, was sein Papa nicht hörte, legte sich der Papa zu Zacha und beide schliefen ein. Es waren die erfolgreichsten Nächte für mich am Anfang meiner Gespensterkarriere.Das ging eine ganze Weile. Es wurde mir schon beinahe langweilig. Elias kam zur Welt. Mama und Papa hatten jetzt weniger Zeit für Zacha. Wenn ich ihn nachts wachgehustet hatte und er weinte, kam meist niemand mehr. Da hörte Zacha auf zu weinen und schlief trotz all meiner Bemühungen von alleine wieder ein - welch ein Ärger! Ich musste mir etwas Neues einfallen lassen.Ich hatte eine brillante Idee - sie war anfangs sehr erfolgreich. Jahre später machte ich mit ihr eine so abschreckende Erfahrung, dass mir die Lust am Spuken ein für alle Mal verging. Ich verließ meinen Kleiderschrank und legte mich unter Zachas Bett. Kaum war er eingeschlafen, stemmte ich mich von unten gegen die Matratze, hob sie schräg an, Zacha rollte auf den Boden, wurde wach und schrie laut nach Mama und Papa.Beide fuhren zugleich aus dem Schlaf. Papa eilte ins Kinderzimmer: "Zacha ist aus dem Bett gefallen", rief er Mama zu. Zacha war untröstlich. Papa schlief diese Nacht endlich wieder bei ihm.Sechs Nächte lang wiederholte ich das Ganze erfolgreich. Welch ein glorreicher Sieg! Dann kam eines Abends Mama. Sie steckte ein Nachtlämpchen in die Steckdose neben Zachas Bett und erklärte ihm ernsthaft: "Zacha, du bist ein großer Junge. Du kannst, wenn du nachts aus dem Bett fällst, auch wieder hineinsteigen. Hier ist ein Nachtlicht, das dir den Weg zeigt." Mama spielte dann mit Zacha "Aus dem Bett fallen" und "Wieder ins Bett krabbeln". Dabei machte sie im Zimmer dunkel, nur das neue Lämpchen leuchtete.Zacha und Mama hatten viel Spaß bei diesem Spiel. Nur ich habe mich schrecklich geärgert. Von diesem Tag an war Zacha nämlich stolz darauf, wenn ich ihn Nachts aus dem Bett gekullert hatte und er ohne fremde Hilfe wieder hineingekrabbelt war.Beim Frühstück am Morgen erzählte er davon, alle lobten ihn. Ich war stocksauer.Ein halbes Jahr lang ist mir damals nichts Neues eingefallen, zumindest nichts, was Zacha nachts gründlich Angst eingejagt hätte. Längst schlief Elias bei Zacha im Zimmer. Meine Versuche, Elias mit Husten nachts zu wecken, wie ich das bei Zacha so erlolgreich getan hatte, waren vergebliche Mühe. Wenn Elias davon überhaupt aufwachte, er hatte einen unverschämt tiefen Schlaf, sprach Zacha ihm tröstend zu: "Schlaf weiter, Elias, ich bin bei dir." Das war alles.Aber dann wurde es viel, viel besser für mich. Dafür gab es zwei Gründe. Zacharias ging in den Kindergarten. Er saß nun häufig abends bei Papa auf dem Schoß, während Papa sich in den Nachrichten die Schrecknisse des Tage ansah. Zugleich hatte Mama begonnen Zacharias ein dickes Buch vorzulesen, in dem sie an jedem Abend an einer aufregenden Stelle abbrechen musste, denn dieses Buch war von Anfang bis zum Ende spannend.In jener Zeit habe ich mein Spuken zur hohen Kunst entwickelt. Ich bin mächtig stolz auf meine genialen Einfälle von damals. Zacha hatte im Kindergarten Indianer gespielt. Nachts ließ ich ihm mit Zischen die Pfeile nur so um die Ohren sausen, dass er sich unter der Bettdecke verkroch und trotzdem nicht schlafen konnte. Hatte er bei Papa auf dem Schoß im Fernsehen einen Autounfall gesehen, genügte es, wenn ich etwa um ein Uhr nachts kräftig die Schranktüre zuschlug, um ihn bis zum Morgen voller Angst Wach zu halten.Die besten Spukideen kamen mir aber, wenn ich abends vom Kleiderschrank aus bei Mamas Vorlesen zuhörte. Huibuh, da wusste ich genau, wie ich zu rascheln, zu poltern, zu pfeifen oder zu stöhnen hatte, um Zacha eine Riesenangst einzujagen. Bei Elias waren meine Bemühungen leider nach wie vor vergebens. Der lächelte zum Beispiel im Schlaf, wenn ich gespenstisch pfiff. Wahrscheinlich dachte er an die Spatzen im Garten, die er erfolgreich gejagt hatte. Dummer Kerl! Dafür machte der Spuk für Zacha umso mehr Freude - nun ja, er war auch viel älter.Das ging eine lange, lange Zeit. Diesmal blieb es spannend für mich. Ich hatte dermaßen viele gute Spukideen, dass ich mich manchmal nachts in meinem Kleiderschrank in Zachas warmen, weichen Wintermantel einmummelte, um endlich auch einmal zu schlafen.Dann kam diese abscheuliche Nacht, deren Ereignisse mir bis heute in meinen klapprigen Knochen stecken. Sie haben mir die Lust am Spuken versalzen. Ich getraue mich gar nicht, mich daran noch mal zu erinnern. Peinlich ist mir das.Aber, ich will es versuchen, denn ich habe es dir versprochen. Zacha war damals etwa acht Jahre alt, Elias war gerade sechs geworden. Er sollte bald in die Schule kommen. Seit einiger Zeit hatten beide die Angewohnheit, sich abends vor dem Einschlafen endlose Geschichten zu erzählen. Meist fing Elias, der sehr viel Phantasie hatte, eine Geschichte an. Wenn er nicht weiter wusste, erzählte Zacha drauflos. Er schmückte Elias Berichte mit wilden Abenteuern im Urwald oder auf dem Mond aus, bis er bemerkte, dass Elias bereits eingeschlafen war. Dann spann er seine Geschichte stumm weiter und schlief darüber ein.Ich schmied nun anhand der Geschichte, die ich mitgehört hatte, meinen Spukplan für die Nacht. Dann kam jedoch alles ganz anders. "Lass uns heute eine Gespenstergeschichte erfinden", schlug Elias beim Zubettgehen vor. Zacha war damit einverstanden.Ich fand es superspannend. Um besser zuhören zu können, schlüpfte ich aus meinem Kleiderschrank und legte mich unter Zachas Bett, denn meist wurde eine Geschichte erst so richtig wild, sobald Zacha weitererzählte. Aber heute war alles leider anders - Huibuuh, wäre ich doch in meinem Schrank geblieben!Elias fing mit schauriger Stimme an: "Ich bin der Geist der bösen Zauberin Trifalia. Weil ich liebe Menschen in schreckliche Ratten verzaubert habe, hat man mir den Kopf abgehackt. Den trage ich jetzt unter meinem rechten Arm. Mein weißes Hemd ist ganz von Blut befleckt. Ich spuke jede Nacht zwischen ein und zwei Uhr". "Uijeh, Wie gruselig", dachte ich unterm Bett, "wo hat Elias nur diese scheußliche Geschichte her. Mir wird ganz kalt beim Zuhören."Und tatsächlich, meine Zähne klapperten. Das hatte Zacha wohl gehört. Er erzählte Elias´ Geschichte weiter: "Ich bin der Geist des grausamen Ritters Schlangenbiss. Als ich noch am leben war, züchtete ich sandfarbene Schlangen, die klapperten unaufhörlich mit ihren 17 Giftzähnen. Deshalb hat mich die gute Fee Sorcija zum Gespenst gemacht. Ich spuke auch jede Nacht zwischen ein und zwei Uhr."Aber das war noch längst nicht alles. "Ui", rief da Elias, "heute finde ich unsere Geschichte besonders toll. Ich bin noch gar nicht müde. Komm, wir verkleiden uns als Böse Zauberin Trifalia und als grausamer Ritter Schlangenbiss. Wir können ja ganz leise sein." Zacha war von Elias Vorschlag begeistert. Sofort band er sein Fastnachtsschwert um den Schlafanzug, klapperte grässlich mit den Holzbuntstiften im Schulmäppchen und rief mit drohender Stimme: "Ein Schlangenbiss und du fällst um."Elias hatte sich sein Betttuch derart umgeschlungen, dass man seinen Kopf nicht mehr sah. Unter dem rechten Arm trug er einen roten Luftballon, dem er Augen und Mund aufgemalt hatte. Sein Nachthemd hatte er mit Wasserfarbenblutstropfen bespritzt: "Ein Biss von mir und du bist eine eklig stinkende Ratte", zischte er. Als mein Gespenstergerippe nicht mehr allzu laut vor Angst klapperte, wagte ich einen Blick hinter dem rechten Bein des Bettes hervor. Was für ein furchterregender Anblick! Schnell verkroch ich mich wieder. "Die müssen doch mal müde werden", tröstete ich mich. Es kommt noch viel schlimmer. "Wir spielen jetzt es ist ein Uhr, ja", flüsterte Elias und zischte dann leise: "Da unterm Bett liegt ein feiger Mensch. Den wollen wir beißen und verzaubern." Ehe ich auch nur einen Gedanken an Flucht fassen konnte, kroch Elias von rechts und Zacha von links unters Bett. Elias zischte bissig, Zacha klapperte bedrohlich.Ein Gespenst kann sich sehr dünn machen, müsst ihr wissen, aber auflösen kann es sich leider nicht. Mit vor Angst klappernden Zähnen machte ich mich also so dünn wie möglich. Ich passte gerade noch zwischen Elias und Zacha, die inzwischen in der Mitte unter dem Bett aufeinandergestoßen waren und furchtbar anfingen zu lachen. Zacha kitzelte Elias, der biss ihn immer wieder und quiekte dabei laut. Mir ging in meiner Dünnheit beinahe die Geisterpuste aus.Endlich vernahm ich die rettende Stimme von Papa und war befreit. Zacha und Elias ließen ihre Standpauke über sich ergehen und schlüpften in ihre Betten. Ich lag noch lange ganz erschöpft unter Zacharias´ Bett und versuchte den Anblick von Trifalias blutbeflecktem Hemd und diese sandfarbenen Schlangenfinger zu vergessen. Warum hat mir in der Gespensterschule niemand beigebracht, wie man keine Angst vor Gespenstern hat?

Aus: Brigitte und Ernst Spangenberg: Märchen gegen KinderängsteHerder spektrum, Verlag Herder, Freiburg 2000


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